Platons Idee des Bildes und die Fotografie

Aktualisiert: 2. Juli


"Der Fotograf schaut durch seine Kamera in einer ganz anderen Weise, wie zum Beispiel jemand, der durch ein gewöhnliches Fernrohr schaut; selbst wenn der Fotograf ein langes Teleobjektiv verwendet, das als Fernrohr taugen würde. Der Unterschied ist, dass der Fotograf sich nicht bloß eine Sache anschaut. Er blickt zwar auch durch die Kamera wie durch ein Fernrohr auf ein Objekt, aber darüber hinaus reflektiert er stets gleichzeitig über die Weise, wie das Objekt in der Kamera ihm als ein Gegenwärtiges erscheint –" (Vilém Flusser)


Überall wird fotografiert, die Flut der Bilder spült durchs Internet, in und um die sozialen Netzwerke. Was macht das mit uns? Bestimmen uns die Bilder oder wir sie?

Vor über 2500 Jahren hat der Philosophen Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis einen Bildbegriff geprägt, der aktueller denn je ist. Wie Marionetten an ihren Smartphones verharren die Menschen bei Platon in ihrer dunklen Höhle beleuchtet von seltsamen Lichtspielen. Die Wirklichkeit wird zur Scheinwelt und die Scheinwelt zur Wirklichkeit.

In vorderster Linie am Spülsaum der Bilder steht der Fotograf. Was passiert, wenn er versucht, sich mit seiner Bildmaschine dem Strom zu widersetzen? Wenn er zum Chronisten seiner selbst wird? Was passiert, wenn er versucht, Platons Höhle zu verlassen so wie es einer in Platons Gleichnis getan hat und sich zum Licht bewegt oder gar die Licht-Bild-Maschine suizidal gegen sich selbst richtet?


Platons "Höhlengleichnis", zu Beginn des 7. Buches der Politeia, gilt als einer meist kommentierten, meist interpretierten Text der Philosophie, ca. 400 v. Chr. entstanden.


Hinter der wahrnehmbaren sichtbaren Welt sieht Platon ein unsichtbares Reich der Ideen. Den Zugang dazu finden wir allein mit der Vernunft. Platon sieht die noetische Welt als das wahre Sein. Die sichtbare, sinnlich erfahrbare Welt fügt sich zusammen aus Abbildern der Ideen. Im Höhlengleichnis macht Platon die Abbilder der Welt zu Schatten, zu Phantomen einer verschlossenen Wirklichkeit. Die Fotografie sucht seit ihren Anfängen nach Höhlenausgängen, sucht die Wirklichkeit mit Hilfe wachsender technischer Möglichkeiten abzubilden. In Platons Sinne scheitern die Reproduktionsversuche an der unüberwindbaren Wand zwischen Sein und Schein. Die wahrnehmbare Welt versteht Platon in einem ständigen Veränderungsprozess, die Welt der Ideen ist dagegen von beständiger Unveränderlichkeit – das Sichtbare ist flüchtig und zerfließt in unseren Händen, vor unseren Augen, die Gründe des Sichtbaren jedoch sind fest, bleiben aber im Verborgenen. Die Fotografie ist jedoch nicht nur ein Kampf gegen die Windmühlen der Wirklichkeit mit technischen Mitteln. Sie ist auch ein Verlassen unserer gewohnten Wahrnehmungsmuster um zu verstehen, was denn nun die Wirklichkeit hinter unseren wahrgenommenen Erscheinungen sei. Fotografie ist ein Weg aus dem Vertrauten, Bequemen ins Unbekannte – Unsicherheit und Angst gehören dazu. Die entfesselten Höhlenbewohner richten ihre ersten Blicke in das Licht der Erkenntnis und es kommt zur Blendung (Unverständnis). Der weitere Aufstieg aus der Höhle erhält seine Motivation und seinen Optimismus durch ein weiteres Geheimnis, das Platon in seinem Gleichnis lüftet: Erkennen ist eigentlich Wiedererkennen. Das Auge des Fotografen enthält dieses Geheimnis: die Suche nach einer Welt hinter der Welt umschreibt den Geist, den Fotografie transportiert.













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