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Reden - veröffentlichte Texte

Aktualisiert: 12. Apr.




WORK

Behind Closed Doors - zwischen Menschen und Maschinen


Wolram Schrolls Fotografien führen uns in unbekannte Räume zwischen Menschen und Maschinen.


Der Industriefotograf arbeitet für Kunden aus Deutschland und Europa und fotografiert beispielsweise für Selbstdarstellungen der Unternehmen, Firmenpräsentationen, Internet- und Messeauftritte.

Wolfram Schrolls leidenschaftliches Interesse an der Technik ist auch Ausgangspunkt für seine künstlerischen Fotografien. Dabei rücken die Prozesse zwischen Menschen und Maschinen in seinen Fokus. Das Verhältnis der Menschen zu den Maschinen, ihr Stellenwert, ihre Veränderungen, ihre Abgrenzungen und Anpassungen gegenüber den Maschinen gehören zu Schrolls zentralen Motiven, wobei der Mensch manchmal im Mittelpunkt steht, wie er mit seinen Tätigkeiten die Maschinen steuert und lenkt, manchmal erscheint der Mensch auch klein und unwesentlich zwischen den komplexen technischen Konstruktionen.


Wolfram Schrolls Fotografien, zusammengestellt unter dem Titel »WORK«, entführen uns in Räume und Bereiche, die normalerweise nicht zugänglich sind. Hinter verschlossenen Türen zeigt uns Wolfram Schroll zunächst das klassische Verhältnis des Menschen zur Maschine, so wie es durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert geprägt wurde und in vielen Industriezweigen noch fortbesteht, der Mensch bedient die Maschinen, er steuert, leitet, dirigiert, wie z. B. in der Arbeit »Gießerei«. Dass der Mensch im Verhältnis zur Größe der Industrieanlage in diesem Bild eher klein und verloren erscheint, weist auf Entwicklungen hin, die heute von elementarer Bedeutung für das Verhältnis Mensch - Maschine sind und aktuelle Fragen zur Künstlichen Intelligenz begleiten: Lässt sich die Künstliche Intelligenz dauerhaft beherrschen? Haben sich Menschen und Maschinen bereits so angeglichen, dass sie sich immer ähnlicher werden? Wolfram Schrolls Arbeiten beziehen sich auf diese Fragen, sie verweigern bewusst Antworten, vielmehr überlassen sie diese den Betrachtern.


Stilistisch entscheidet sich Wolfram Schroll für die Schwarzweissfotografie, wodurch er den Blick auf Strukturen und Muster lenkt, so dass z. B. in der Arbeit »Medizintechnik 1« der Eindruck entsteht, Mensch und Maschine lösen sich in einem einzigen Kosmos auf. Ein weiteres seiner Stilmittel ist die Bewegungsunschärfe,  so macht z. B. das Bild »Medizintechnik 2« das bewegte Ineinandergreifen von Mensch und Maschine im Arbeitsprozess sichtbar.


Manche Bilder lassen uns in Gesichter schauen z. B. in »Prüfeinheit einer Abgasanlage«, Körperhaltung, Ausdruck und Equipment verschmelzen hier mit dem Roboter zu einer Art Mensch-Maschine.


Vor dem Hintergrund der Geschichte der Industriefotografie findet Wolfram Schroll seine eigene Bildsprache. Seine Arbeiten sind weder eindeutig sozial- oder technikkritische Fotografien, wie wir sie aus der frühen Industriefotografie kennen und sie sind auch nicht ästhetisierte Darstellungen komplexer Fertigungsprozesse. Wolfram Schrolls Fotografien liegen irgendwo dazwischen, sie öffnen uns einen Spalt breit verschlossene Türen und erlauben uns Einblicke in moderne industrielle Transformationsprozesse.


© Klaus Pfeiffer, März 2024


Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung WOLKENBILDER von Prof. Dieter Ziegenfeuter

Haus der Stadtgeschichte Kamen, 28.09.2023


Ich beginne mit der ersten Strophe aus dem Gedicht „Erinnerung an Marie A.“

von Bertolt Brecht:

1

An jenem Tag im blauen Mond September Still unter einem jungen Pflaumenbaum Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe In meinem Arm wie einen holden Traum. Und über uns im schönen Sommerhimmel War eine Wolke, die ich lange sah Sie war sehr weiß und ungeheuer oben Und als ich aufsah, war sie nimmer da.


Vergänglichkeit und Zeit sind Dieter Ziegenfeuters Themen, die uns in seinen Wolkenbildern begegnen.


Hier noch ein Satz aus dem 19. Jahrhundert, den der englische Maler, Schriftsteller und Kunstkritiker, John Ruskin, seinem Freund William Turner gesagt hat, um seine Faszination für dessen Wolkenbilder zum Ausdruck zu bringen. „Wir wollen unser Glück in Dingen finden, die in jedem Augenblick sich ändern oder vergehen.“


Die Zeiten haben sich geändert oder sind vergangen in denen Prof. Ziegenfeuter als Hochschullehrer beliebt und erfolgreich tätig war. Auch seine Karriere als Illustrator und Grafiker, vielfach mit Preisen ausgezeichnet, liegt hinter ihm.


Was wir nun hier und heute sehen resultiert aus Ziegenfeuters künstlerischer Entwicklung, eine Art Essenz seines bisherigen künstlerischen Schaffens.


Um zu verstehen, wie ihn seit seinem ersten Wolkenbild 2010 die Wolken nicht mehr losgelassen haben, finden wir Hinweise in seiner künstlerische Entwicklung, aber auch in der Faszination und Bedeutung der Wolken für die Kunst und unser aller Leben.


Gehen wir zunächst in die Zeit, als Dieter Ziegenfeuter noch als Illustrator tätig war, gehen wir exemplarisch zu einer seiner zahlreichen Illustrationen aus den 1980er Jahren. Der Künstler hat sie hier neben seine Wolkenbilder gehängt, so haben wir die Möglichkeit, in dem über 30 jährigen Zeitgefälle zwischen damals und heute Spuren der Entwicklung seiner Wolkenbilder zu entdecken.


Wir sehen ein riesiges Raumschiff wie angespült aus dem Meer, an einem Strand mit unzähligen, wimmelnden Menschenwesen. Reisende! Aufbruch? Ankunft? Zuflucht? Bringt das Raumschiff Verheißung oder Zerstörung? Bedrohung und Faszination zugleich - ambivalent! Eine derart schwebende Ambivalenz ist übrigens eine elementare Eigenart jeder Wolke? - In der Illustration sind die Wolken aber auch direkt vertreten als Schönwetterwölkchen vor blauem Sommerhimmel, hier noch klassisch, in der Tradition der Landschaftsmalerei, sie sollen der Szenerie die Tiefe geben oder Mensch mit Landschaft in Harmonie bringen.


In Dieter Ziegenfeuters heutigen Wolkenbildern sind die Wolken keine Statisten mehr, sie sind Hauptdarsteller. Man könnte sagen, die Wolken von damals haben ihrer Wolkenhaftigkeit alle Ehre gemacht und haben sich bewegt, haben Form, Farbe und Größe verändert, genau so wie ihre Schwestern dort draußen am Himmel. Die Wolken haben den zentralen Platz eingenommen in der Komposition des Bildes. Das Raumschiff in der Illustration ist Bedeutungsträger, übergroß und zentral im Bild, nun ist es die einzelne Wolke, sie zeigt sich zentralperspektivisch in ihrer Übergröße. So wie das Raumschiff in seiner Sichtbarkeit eine konkrete Botschaft sendet, sendet jede Wolke der Wolkenbilder eine verhüllte, abstrakte Botschaft. Leid und Freude, Bedrohung und Verheißung, Dystopie und Utopie sind Facetten der Wolkenbilder.


So sehr sich die Wolkenbilder auch formal ähneln, jedes hält seine eigene Geschichte bereit, jedes will uns etwas anderes über den Zustand der Welt mitteilen.

Man kann durch Dieter Ziegenfeuters Wolkenbilder hindurchsehen wie durch Fenster in Traumhaftes, Absurdes, Phantastisches, ganz im Sinne des Surrealismus. Der Anklang an den Surrealismus findet sich auch schon in den frühen Arbeiten des Künstlers, in den Wolkenbildern tritt allerdings noch eine Kraft hinzu, geradezu etwas Expressionistisches. Ziegenfeuter trägt die Acrylfarbe kräftig mit Karten auf Karton auf, dazu merkt er ausdrücklich an, wie wichtig ihm die Kraft der Spontanität im Arbeitsprozess ist, er übermalt, verändert, befindet sich im Fluß und verhält sich somit auch in seinem Arbeitsprozess wie die Wolken selbst.


Sichtbare Menschen gibt es nicht mehr in den Wolkenbildern, oder sind sie aufgehoben in der Wolke? Und existieren weiter als Gefühle und Befindlichkeiten, kontemplativ und surreal hinter dem Wolkennebel. All die Dinge, die Außen sind und uns im Innern bewegen schweben überm Horizont. Wobei der Streifen Landschaft in jedem Wolkenbild mal mehr mal weniger Raum einnimmt, niemals aber Tiefe beansprucht, schließlich legen die Wolkenbilder Wert darauf Bilder zu sein und keine Landschaften bzw. Landschaftsmalerei.


Warum überhaupt Wolken? Wieso diese die Faszination für die Wolken?


Wolken gehören wohl zu den symbolträchtigsten Phänomen überhaupt. Wolken bedeuten vielfach Verhüllung, Mose verwandelt sich in eine Wolkensäule, der Thron Gottes besteht in vielen Darstellungen aus Wolken.

Im Islam steht die Wolke für die Unerforschlichkeit Allahs, Wolken bedeuten in vielen Naturreligionen Regenbringer und Fruchtbarkeit. Wie schon erwähnt: Wolken haftet immer etwas Ambivalentes an, sie symbolisieren ganz verschiedene, oft konträre Stimmungen, „Schönwetterwolken“, „Auf Wolke 7 schweben“, aber auch „Aus allen Wolken fallen“, „Wolkenbruch“.


Wetter und Wolken zu beobachten, aus ihnen Schlüsse abzuleiten, um zu leben und zu überleben, prägen seit jeher Kulturen und Gesellschaften.

In den Logbüchern der Seefahrer und Abenteurer des 15./ 16. Jahrhunderts wurden so manche Wolkenbilder skizziert, erst einmal um die Wetterbeobachtungen zu visualisieren, aber eigentlich um die Welt draußen zu verstehen, um Sicherheit und Vertrauen in das zu kriegen, was gerade so vor sich geht. Auch in diesem Zusammenhang denke ich an Dieter Ziegenfeuters Wolkenbilder.


An der Schwelle zum 20. Jahrhundert stiegen erste Wetterballons auf und die Meteorologie wurde zur modernen Wissenschaft.


Die Wissenschaft hat alles daran gesetzt, die Wolken aus dem mythischen Himmel auf die Erde zu holen: Wolken wurden klassifiziert, systematisiert, katalogisiert und ihre vielfältigen Bedeutungen für das Wettergeschehen entschlüsselt.

Und trotzdem haftet den Wolken nach wie vor etwas Unberechenbares und Geheimnisvolles an, die Cumulus Humilis, die klassische Schönwetterwolke, lädt zum beschaulichen Träumen ein und dann verwandelt sie sich in einen schwarzen Riesen, der mit Starkregen, besonders in heutigen Zeiten, Tod und Verderben bringt oder in Sekundenschnelle verwandeln sich Wolken in zerstörerische Tornados, wie unlängst über der Eifel, der träumerische Blick in die Wolken kann schnell zu einem traumatischen werden.


Man muss klar sagen, und da sind wir wieder bei Dieter Ziegenfeuters Wolkenbildern, gerade in der Kunst entziehen sich die Wolken hartnäckig der Entmystifizierung.


Goethe war auch einer, der fasziniert war von dem Geschehen am Himmel, besonders der damals neue wissenschaftliche Blick hatte es ihm angetan, so hat er sich daran gemacht, den„Essay on the Modifications of Clouds“ des englischen Chemikers Luke Howard zu übersetzen und Goethe hat in diesem Zusammenhang bei keinem geringeren als Casper David Friedrich angefragt, ob er nicht Lust hätte, die Illustrationen für das Buch zu übernehmen. Der Maler ist ausgerastet, zornig und aufgebracht lehnte er Goethes Ansinnen strikt ab, er befürchtete einen „Umsturz der Landschaftsmalerei“, undenkbar wäre es, seine „leichten, freien Wolken sklavisch in diese Ordnung“ zu zwingen.

Dieter Ziegenfeuters Wolken taugen ebenso nicht als wissenschaftliches Anschauungsmaterial, auch sie verweigern sich jeder Ordnung und geben niemals ihr wolkenhaftes ambivalentes Geheimnis Preis - Wolkenbilder eben.


Ich schließe meine kleine Rede mit einem Zitat von Yoko Ono, sie notierte 1964: „Imagine the clouds dripping, dig a hole in your garden to put them in.“


Ich wünsche Ihnen viel Freude mit Dieter Ziegenfeuters Wolkenbildern.



Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung STAND DER DINGE!

BIG-Gallery am 29. Januar 2023


Was ist eigentlich los mit der Welt? Wie geht es uns in diesen Zeiten in der Welt? Ist es nicht so, als schwirrten uns lauter Fragezeichen durch den Kopf?

Vor fast 150 Jahren fasste Friedrich Nietzsche den Weltzustand in Fragen, die wir genauso auch heute stellen können:

"Wohin bewegen wir uns?

Fort von allen Sonnen?

Stürzen wir nicht fortwährend?

Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?

Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? "


Nietzsches Befürchtungen sind nicht nur hoch aktuell, sie treffen uns als einen wahren Geschwindigkeitsrausch, so als rasten wir durch eine unfassbare Welt, wo der Wunsch nach einer Notbremse im Zug der Zeit dringender denn je ist! Doch mit dem Anhalten wird es so recht nichts in diesen unruhigen Zeiten, aber ein Innehalten ist durchaus möglich. Wenn dann das Innehalten noch Auskunft geben soll über das, was gerade so los ist, was im Moment gerade vor sich geht und wie wir uns dabei fühlen, dann wäre ein passender Name dafür „Stand der Dinge“.


Nun wird der Stand der Dinge üblicherweise in Worte gefasst, dann ist es die Rede, die versucht, uns den Stand der Dinge näherzubringen, die bemüht ist, sich mit Logik und Sachverstand dem Fluss der Zeit entgegenzustellen. Kaum ist dann der Stand der Dinge in passende Worte gefasst, ist er schon nicht mehr aktuell, verflüssigen sich die Worte auch schon wieder und verschwinden im unaufhaltsamen Strom der Zeit und werden der Vergangenheit preisgegeben. Der Stand der Dinge ist flüchtig, ihm lässt sich kein Haltbarkeitsdatum anheften.

Die Frage ist jedoch, gilt das eigentlich auch für die Kunst? –

Zunächst stellen wir fest, dass die Kunst, in unserm Fall die bildende Kunst, ihre eigene Sprache spricht, ihre Zeichen sind völlig andere als die der Worte. Die Werke der bildenden Kunst sind nicht darauf aus etwas klarzustellen und auf den Punkt zu bringen, ganz im Gegenteil, sie wollen verhüllen. Wenn dann die Gedanken und Gefühle der Künstlerin, des Künstlers zum Stand der Dinge ein Werk, eine Arbeit generieren, dann ist damit etwas geschaffen, was zu einem zeitüberwindenden Verweilen einlädt, die Kunst widersetzt sich dem Strom der Zeit. Der koreanische Philosoph Byung-Chul Han sagt:

„Das Schöne als das ganz andere, hebt die Gewalt der Zeit auf.“

Und damit bietet das Schöne, also die Kunst bzw. die Begegnung mit der Kunst, so wie sie jetzt hier gerade stattfindet, die Möglichkeit, dem Stand der Dinge ganz anders und für sich selbst zu begegnen. In der Begegnung mit der Kunst können wir die Zeit still stellen! Achten Sie einmal darauf, wie es ist, wenn Sie sich auf die hier gezeigten Arbeiten unvoreingenommen einlassen, frei von einem bestimmten Interesse oder übergeordneten Absichten; vielleicht kommt es zu einem zeitüberwindende Verweilen vor den einzelnen Werken.

Dazu noch einmal Byung-Chul Han:

„Die Abwesenheit von Wollen und Interesse stellt die Zeit still.“


Sie sehen hier im Rund der BIG-Gallery Arbeiten von Petra Böttcher-Reiff, Richard A. Cox, Walter Hellenthal, Christoph Ihrig, Andi Knappe, Irmhild Koeniger-Rosenlecher, Axel M. Mosler, Klaus Pfeiffer, Philipp Pohl, Sebastian Wien und Dieter Ziegenfeuter. Aus sehr unterschiedlichen Techniken wie Fotografie, Computergrafik, Ölpastell, Acryl, Lack, Kaltnadelradierung, Stahlplattendruck und Skulptur entsteht ein facettenreiches Gesamtbild zum Stand der Dinge.

Sie finden in den Arbeiten eine Fülle von Momenten, Ansatzpunkte und Spuren, die unsere Gegenwart künstlerisch vermessen, Sie finden möglicherweise Spuren von Krieg, Natur in verschiedenen Dimensionen: im Zwielicht, in bewegter Symbolik, in tanzenden Strukturen und Formen, Apokalypse und Erlösung, Prozesse des Organischen und Anorganischen, Sie treffen vielleicht auf Momente im unendlichen Raum, auf abendländische und spirituelle Traditionen und auf vieles mehr.

Das Kleid der Kunst dient der Verhüllung, das bei allen Deutungen und Interpretationen niemals vollständig ausgezogen werden kann. Schopenhauer sagt, „dass die ästhetische Freude am Schönen, einem großen Teil nach darin besteht, dass wir in den Zustand der reinen Kontemplation tretend, für den Augenblick allem Wollen, d.h. allen Wünschen und Sorgen, enthoben, gleichsam uns selbst loswerden.“


Was Sie nicht loswerden sollten, wäre das Verlangen nach dem Erwerb des Katalogs zu dieser Ausstellung. Sie finden neben hervorragenden Drucken einer Auswahl der hier gezeigten Arbeiten, viele persönliche Statements der einzelnen Künstlerinnen und Künstler und eine umfangreiche Einführung in das Konzept dieser Ausstellung. angesichts der inflationären Lage, in der wir uns gerade befinden, birgt der Kauf des Katalogs noch ein weiteres Highlight: Sie zahlen 5 Euro für ein Produkt, dessen Herstellung 11 Euro gekostet hat. Sie sehen daran, es gibt noch Hoffnung für diese Welt. Ich wünsche Ihnen viel Spaß.


© Klaus Pfeiffer 2023



Katalogtext zur Ausstellung STAND DER DINGE! des Westfälischen Künstlerbundes Dortmund vom 29. Januar bis 26. März 2023


Wohin bewegen wir uns?

Fort von allen Sonnen?

Stürzen wir nicht fortwährend?

Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?

Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?

Friedrich Nietzsche, Der tolle Mensch, 1882


Wohin bewegt sich die Kunst in diesen Zeiten? Mit dieser und weitere Fragen befassen sich 11 Künstlerinnen und Künstler des Westfälischen Künstlerbundes Dortmund, die zu dem Thema „Stand der Dinge“ eine Auswahl ihrer Arbeiten in der BIG-Gallery Dortmund zeigen.

Der „Stand der Dinge“fordert dazu auf, wenigstens für einen Moment im Fluss der Zeit inne zu halten. Vor unseren Augen nimmt der Klimawandel unübersehbar an Tempo auf und wir taumeln zwischen Ignoranz und Konzepten, zwischen Verdrängung und Tatendrang. Der Krieg in Europa wütet ohne absehbares Ende, das Klima wird zur Waffe erklärt.

Wenn es darum geht zum Stehen zu kommen und herauszutreten um das, was da abläuft zu reflektieren, zu verstehen, zu bewerten, greifen die bildenden Künstler zu ihren ganz eigenen Zeichensystemen. Die Künstlerinnen und Künstler des Westfälischen Künstlerbundes Dortmund führen diese zu künstlerischen Ausdrucksformen zusammen aus Fotografie, Computergrafik, Ölpastell, Acryl, Lack, Kaltnadelradierung, Stahlplattendruck und Skulptur.

Es sind sehr persönliche Stellungnahmen, die diese Ausstellung zu einem facettenreichen künstlerischen Gesamtbild zum Stand der Dinge werden lässt. Dabei schwingen elementare Fragen mit: Wo stehe ich innerhalb der Gesellschaft? Was machen die gegenwärtigen Entwicklungen mit mir? Wie nehme ich die Welt wahr? Wie ist der Stand der Dinge? Das sind nicht nur Fragen, die die Arbeitsprozesse der Künstlerinnen und Künstler begleiten, diese Fragen können auch einen Zugang zum Verständnis der einzelnen Arbeiten dieser Ausstellung schaffen, indem sie das Band beschriften, das wir als Betrachter und Rezipienten zwischen uns und dem einzelnen Werk spannen. Dann ist diese Ausstellung eine Einladung an uns Betrachter, selbst inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und sich selbst in der Begegnung mit dem Kunstwerk den Stand der Dinge zu vergegenwärtigen.


Bei der Herangehensweise und Auswahl der Arbeiten wird der Stand der Dinge unterschiedlich beleuchtet, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen werden genauso in den Fokus genommen wie Auskunft erteilt wird über den Schaffensprozess oder festgestellt wird, dass gerade diese älteren Arbeiten den derzeitigen Stand der Dinge erfassen, wie etwa der vor 30 Jahren entstandene Antikriegszyklus von Irmhild Koeninger - Rosenlecher.

Verschiedene Auseinandersetzungen mit der Natur nehmen einen größeren Raum innerhalb dieser Ausstellung ein, Fotografien von Fluss- und Seenlandschaften, bedrohliche Wolken, Natur im Zwielicht, wo Sonnenuntergänge zu glühenden Bändern verschwimmen, wo Finsternis, Licht und Körper in Graustufen ihren Ausdruck finden wie in den Fotografien von Petra Böttcher-Reiff und Klaus Pfeiffer, Apokalypse oder Erlösung, Verzweiflung oder Hoffnung? Axel M. Mosler setzt in seinen Fotografien den Fokus auf von Menschen geschaffene Dinge inmitten der Natur, die zu Symbolen werden und unser Verständnis der Natur hinterfragen lassen. Axel M. Moslers Bilder verleiten auch dazu, den Stand der Dinge wörtlich zu nehmen. Eine Grundeigenschaft der Dinge ist ihr Stand, nicht nur wir Menschen, auch die Dinge nehmen eine Haltung ein. Zwar geben wir den Dingen meistens ihren Halt, aber die Dinge verteidigen durchaus ihre Standfestigkeit, nicht nur dann, wenn die Natur mit ihren Kräften den Stand der Dinge übernimmt. Dieter Ziegenfeuter lässt seine legendären Wolken in metaphorischen und mythischen Bildern im apokalyptischen Sturm taumeln, oder Hoffnungsfunken versprühen wie die weiße Wolke vor grünem Himmel. Auch für Walter Hellenthal rückt die Natur in den Mittelpunkt seines künstlerischen Statements zum Stand der Dinge. Der Künstler zeigt uns Elemente und Ebenen des Organischen und Anorganischen in ihrem gegenseitigen Durchdringen.

Andi Knappes Space-Labore führen in den unendlichen Raum, in dem der Stand der Dinge zum Aufstand der Dinge mit offenem Ausgang wird. Sebastian Wien befasst sich in seinen Variationen mit ähnlichen Szenarien, wie lange lassen sich seine stählernen Wesen noch auf Sockeln bändigen bevor sie ihren eigenen Stand der Dinge im Verbund der Dinge einfordern?

Kann man den Stand der Dinge auch als ironischen Kommentar auffassen? Stand der Dinge als Illusion? Richard A. Cox lässt die Dinge unablässig tanzen. Ist es vielleicht sogar so, dass der Stand der Dinge ein Wunschtraum ist von uns Menschen, die wir glauben, das Rad der Zeit anhalten zu können? Christoph Ihrig entführt mit seinen Stahlplattendrucken in ein geheimnisvolles Spiel aus ovalen Formen und Strukturen, Abdrücke der Natur eingeschrieben in Stahl? Philipp Pohl bezieht zum Stand der Dinge Gedanken- und Bilderwelten abendländischer und anderer spiritueller Traditionen ein.

Immer fordert eine Auseinandersetzung mit dem Stand der Dinge einen klarsichtigen Blick, demgemäß geht das Nietzsche-Zitat des Anfangs so weiter: „Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?“

Nietzsche mahnt, sich nicht den hellen Blick auf den Stand der Dinge verdunkeln zu lassen, dazu leistet die Auseinandersetzung mit der Kunst einen wesentlichen Beitrag.

 

Katalogtext zur Ausstellung AUFBRUCH des Westfälischen Künstlerbundes Dortmund vom 27. März bis 15. Mai 2022


Aufbruch


"Ich befahl, mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: »Wohin reitet der Herr?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich, »nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.« »Du kennst also dein Ziel«, fragte er. »Ja«, antwortete ich, »ich sagte es doch: ›Weg-von-hier‹ – das ist mein Ziel.«"

Franz Kafka, Der Aufbruch


Unter dem Titel „Aufbruch“ zeigen elf Künstler*innen des Westfälischen Künstlerbundes ihre Arbeiten in der BIG Galerie Dortmund.

Der Begriff „Aufbruch“ erschließt sich in seiner Ambivalenz. Die eine Seite des Begriffs leitet seine Bedeutung aus dem althochdeutschen brehhan ab, was soviel heisst wie brechen, in Stücke zerfallen, vernichten. Diese eine Seite des „Aufbruchs“ ist die Negation, das Verneinende: der Knochen bricht, die Erde bricht auf. Die zweite Bedeutungsebene des Begriffs ist das Positive, das Neue, zu dem hin wir uns bewegen bzw. bewegen wollen. Dem Aufbruch zum Neuen gehen ein Brechen mit etwas und ein Moment der Stille voraus. Das Ziel vor Augen können wir nicht wissen, wohin die Reise geht. Beides, das Verneinende, das Los- oder Verlassen und das Ins-Auge-Fassen des Neuen, vereint sich in dem Begriff „Aufbruch“, begleitet von dem Gefühl der Aufbruchsstimmung. Wir können also nicht aufbrechen, ohne zuvor mit etwas zu brechen. Aufbruch ist der bewegende Moment vor der Bewegung von etwas weg und zu etwas hin. Aufbrüche sind ganz und gar nicht einfach, oft sind sie sogar unmöglich, weil das Festhalten an etwas nicht selten viel stärker ist als das Loslassen.

In jedem Aufbruch schwingt diese Spannung mit und wir spüren sie in nahezu allen Arbeiten dieser Ausstellung. Die hier versammelten Künstler*innen vereint der Mut, der jedem Aufbruch innewohnt.

In der Kunstgeschichte reihen sich die Aufbrüche wie an einer Kette nahtlos aneinander, jedem Umbruch geht hier ein Aufbruch voraus. Dabei gehen die Aufbrüche mit gesellschaftlichen Veränderungen zusammen, werden von bedeutenden Ereignissen flankiert, dazu gehören Kriege und Vertreibungen ebenso wie Epidemien und Pandemien. Der Erste Weltkrieg und die Spanische Grippe zählen beispielsweise zu solchen Eruptionen, im Zuge derer die Kunst der Moderne ihre prägenden Umbrüche hervorgebracht hat, wie etwa Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Surrealismus, die Russische Avantgarde um nur einige zu nennen. Zerstörung, Isolation, Krankheit und Tod zeichnen den Horizont für den Aufbruch in die Moderne.

Auch wir Heutigen befinden uns in Zeiten massiver Umbrüche, die alle Mutigen dazu einlädt aufzubrechen. Fast alle hier gezeigten Arbeiten sind 2020 und 2021 entstanden und senden künstlerische Impulse aus der weltumspannenden Zeitenwende von Pandemie und unaufhaltsamer Erderwärmung. Corona gerinnt unter anderem zur Metapher für Stillstand. Jedem Aufbruch geht ein Stillstand voraus. Die Arbeiten von Marc Bühren und Richard A. Cox berühren mit ihrer Bildsprache auch die Corona-Pandemie, und es entsteht dabei ein beeindruckend aktuelles Ästhetisieren des Strukturellen. Große Künstler wie Franz Marc, Egon Schiele, Edward Munch oder John Singer Sargent haben noch in eindrücklichen Porträts oder Selbstporträts dem leidenden Menschen unter den verheerenden Wirkungen des Virus der Spanischen Grippe ein Gesicht gegeben. Der leidende Mensch rückte in den Fokus der Kunst. Hinter unseren medialen Bilderfluten der Pandemie verschwindet jedoch der Mensch. Wenn hier und da ein leidendes Gesicht aufscheint, ist es verpixelt und aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert. Der Mensch tritt zurück hinter Diagrammen und Kurven, hinter zahlreichen großformatigen farbenprächtigen Visualisierungen eines Virus, das dem menschlichen Auge unsichtbar ist. Die Auflösungsprozesse des Subjekts in den Datenströmen der digitalen Ordnung haben in dieser Pandemie an Sichtbarkeit gewonnen. In den Arbeiten von Marc Bühren und Richard A. Cox wird diese Entkörperlichung zum Anlass ihrer Kunst. Der Blick in den Mikrokosmos soll uns ja immer wieder den Triumph des Wissens vor Augen führen und beruhigen, Richard A. Cox tanzende Strukturen lassen sich nicht zähmen und mahnen, dass es das Unbeherrschbare immer geben wird. Marc Bührens organische Strukturen scheinen sich aus ihrer sterilen Umgebung vom Objektträger zu lösen um mit uns in eine nachdenkliche Kommunikation zu treten.

Walter Hellenthal, Christoph Ihrig, Axel M. Mosler und Dieter Ziegenfeuter erinnern in ihren Arbeiten an das zweite große Thema unserer Zeitenwende, Erderwärmung und Klimaveränderung. Das Verhältnis des Menschen zur Natur verlangt mehr denn je nach Aufbruch und Umbruch. Das Natürliche und das vom Menschen Gemachte treten in den Arbeiten von Walter Hellenthal in eine bewegte Beziehung. Neben flächigen Teilansichten von Straßen und Plätzen aus der Vogelperspektive sehen wir florale Elemente, pflanzliche Strukturen aus einer ganz anderen Perspektive. So zeigt uns Walter Hellenthal kein Nebeneinander, sondern ein gegenseitiges Durchdringen der verschiedenen Elemente und Ebenen, er stellt, wie der Philosoph Ernst Bloch bemerkt, „einen Gegenstand auf eine neue Ebene, auf der er betrachtet werden kann.“ Ein Aufbruch mit ungewissem Ausgang scheint sich anzukündigen. „Das Dunkel des gelebten und erlebten Augenblicks ist noch nicht herausgebracht.“ Christoph Ihrig hält seine rätselhaften Begegnungen diffuser organischer Elemente in einer Schwebe, Wachstumsprozesse neben Auflösungsprozessen, fragiles Leben neben schleichendem Verfall. „Panta rhei“ – „Alles fließt“, Heraklits berühmte Aussage weist uns heute darauf hin, dass kaum noch etwas feststeht. Axel M. Moslers Fotografie „Ligna # 2“ greift den Fluss der Bewegung anders auf. Ligna bedeutet im Lateinischen „die Hölzer“, die in den Bildern der Rodungen des Regenwaldes mehr und mehr zu Symbolen der Zerstörung werden. Bei Axel M. Mosler lösen sie sich in Strukturen auf, und in diesem Prozess scheinen sie allmählich wieder zu Bäumen zu werden. Auch die anderen hier gezeigten Arbeiten Axel M. Moslers lassen vor unseren Augen Bewegungsprozesse organischer Strukturen entstehen. Wir sehen, dass Aufbrüche eng mit Auflösungsprozessen verbunden sind.

Dieter Ziegenfeuter entführt uns mit seinen surrealen Wolkenbildern in eine Welt, in der sich Vordergrund und Hintergrund aneinander klammern um überhaupt noch Halt zu finden. Fast schon provokativ wählt der Künstler den Titel „Phönix“. Die mythische Gestalt, die so eng mit Lebenszyklus, Sonne und göttlichem Licht verwoben ist, verliert sich hinter existentiellen Fragen, wie sie Friedrich Nietzsche in seinem berühmten Text über den Tod Gottes bereits 1882 gestellt hat: „Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?“

Ausgehend von diesen mahnenden und hoch aktuellen Fragen öffnen die Arbeiten von Wladimir Kalistratow und Andi Knappe einen weiteren Horizont der Aufbrüche. Neben Corona-Krise und Erderwärmung ist die Digitalisierung ein weiteres Großthema unserer Tage. Wladimir Kalistratow entwickelt seine phantastischen Welten nicht nur am Computer, er thematisiert dabei auch die Digitalisierung selbst. Erkenntnis, Wissen, Berechenbarkeit, Herrschaft - der Binärcode als eine Art Geist, der in seiner unantastbaren Kugelgestalt gottähnlich und unumstößlich schon längst den Kopf allen menschlichen Lebens ersetzt hat, das als zusammengequetschtes Herz im untergehenden Licht des durchleuchteten Körpers untergegangen ist. Auch seine anderen Arbeiten bespielen phantastische Welten, wobei der Künstler mit ausführenden Programmen und ihren Algorithmen arbeitet. Andi Knappe nähert sich dem Digitalen mit dem Printmixpaint-Verfahren und Acryl. Seine Space-Labore vereinigen im Kontext des Themas „Aufbruch“ in gewisser Weise alle drei genannten Großthemen. Der Künstler bricht gleichsam auf in eine Welt hinter unserer Welt. „I'm stepping through the door, And I'm floating in a most peculiar way, And the stars look very different today“ heisst es in David Bowies Space Oddity. Angelehnt daran schweben auch Andi Knappes Kuriositäten durch den Raum und erstaunlicherweise treffen wir auf virale Organismen vor dem Hintergrund diffuser Bildschirmbotschaften. Angesichts dessen erscheint es fraglich, ob die Aufbrüche von Jared Isaacman oder Elon Musk tatsächlich in eine bessere Welt führen.

Petra Böttcher-Reiff setzt mit ihren grafisch bearbeiteten Fotografien ihren ganz eigenen Akzent. Sie zeigt drei Variationen zu dem Thema „Industriearchitektur“. Petra Böttcher-Reiff bringt uns dabei Relikten aus vergangener Stahlindustrie in ausschnitthaft bedrohlicher Darstellung nahe und verleiht den Objekten ein grafisch flächiges verwaschenes Grau-Schwarz-Weiß. Als Kontrast setzt sie ein ebenfalls flächiges Rosa. Der Künstlerin geht es nicht um Abbildung, sondern um Verfremdung. Eine vielschichtige Symbolik in ihren Arbeiten lässt uns Auf- und Umbrüche assoziieren, männlich, weiblich, Männerbilder, Frauenbilder. Die postindustrielle Gesellschaft wird wohl noch lange die grau-schwarz-weißen Schatten mit sich führen.

Irmhild Koeniger-Rosenlecher begibt sich mit vielfältigen künstlerischen Mitteln wie Zeichnung, Collage, Kaltnadelradierung auf eine künstlerische Forschungsreise in die Welt dreier Frauen, „die jeweils zu ihrer Zeit mit künstlerischen Aufbrüchen zukunftsweisend waren.“ Sibylle Merian, Annette von Droste Hülshoff und Marie Luise Fleisser. Diese drei Frauen aus Wissenschaft, Kunst und Literatur und aus unterschiedlichsten Epochen verbindet der leise, beharrliche und mutige Einsatz für ihre Ziele und Visionen, aber auch für die Sichtbarkeit des Weiblichen in einer von Männern dominierten Welt. Irmhild Koeniger-Rosenlechers gibt diesen Frauen Gesicht, Körper und Gestik. An ihren Arbeiten berühren die leise Kraft und die zarte Beharrlichkeit. Wir sehen hier sehr deutlich, dass Aufbrüche keinesfalls laute und erschütternde Ereignisse sein müssen. Um die vielfältigen Symbole der Arbeiten zu entschlüsseln lohnt es sich, den spannenden Biografien der dargestellten Frauen nachzugehen.

In der Kunstgeschichte hat so mancher Aufbruch zum Übergang in eine neue Schaffensphase des Künstlers geführt. Ganz eindrucksvoll trifft das auf einen der Väter der amerikanischen Avantgarde, Mark Rothko zu, mit dem sich Werner Block in seinen Arbeiten auseinandersetzt. Das Werk Rothkos gehört der Farbe. Kaum ein anderer hat den Farben das Leuchten in unzähligen Variationen abgerungen, bis er aufgebrochen ist in das Schwarz. Schwarz verbindet er mit existentiellen Fragen, mit der Leere und dem Nichts. Rothkos Reise mündet in einer manisch-depressiven Erkrankung und 1970 in seinen Selbstmord. Werner Block fühlt diesem Ausnahmekünstler nach und wenn man genau hinsieht, spürt man die innere Ruhe, die Leere und die Meditation, die sich im Produktionsprozess Werner Blocks abgespielt haben muss. Vielleicht lohnt es sich von diesen Arbeiten aus noch einmal die anfangs zitierte Parabel von Franz Kafka zu lesen.

© Klaus Pfeiffer 2022

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