Soap Opera

Der hygienische Wert der Seife gerade in Zeiten von Epidemien war nicht immer gleich. Zur Zeit der großen Pestepidemien 1347 bis 1351 erging es der Seife ganz anders als heute. Die Bedeutung der Seife hatte zwar bis ins Mittelalter ihren Platz in den Badehäusern und begleitete die Menschen bei ihren Waschungen, aber der Ausbruch der Pest brachte die Seife in Verruf, ihr wurde sogar nachgesagt, dass sie durch ihren Schaum die Pest weiter verbreite. So wurde die Seife durch die Trockenwäsche abgelöst. Man war der festen Meinung, dass das Vermeiden von Wasser, das pudern und anschließende trockene Abreiben der Haut ein effektives Mittel gegen die Ausbreitung der Pest sei.

Unter Ludwig XIV. erlangte die Seife ihren verlorenen Ruf zurück, das Seifensieden wurde an seinem Hof kultiviert, so dass die Seife zum Luxusobjekt avancierte. Im 18. Jahrhundert erfand der Chemiker Nikolas Leblanc ein Verfahren zur künstlichen Herstellung von Soda, der Weg der Seife zum Massenprodukt und zu einem in allen gesellschaftlichen Kreisen verbreiteten Reinigungsmittel nahm seinen Lauf. Wie in fast allen Bereichen wirtschaftlicher Massenproduktion differenzieren sich die Produkte auch nach Zugehörigkeiten zum gesellschaftlichen Stand. 

  

SOAP OPERA befasst sich mit einem Gebrauchsgegenstand im Gebrauch. Bereits die erste Berührung mit der Seife nimmt ihr ihre Jungfräulichkeit und hinterlässt erste Gebrauchtspuren. Im Zug der Zeit nimmt sie neben uns Platz und entwickelt eine seltsame Nähe zu uns: Es beginnt ein Prozess des steten Vergehens, mit dem Alter wird sie weniger, verliert unter Umständen an schäumender Kraft, das Reiben an ihr, das Drehen in den Händen entzieht ihr langsam das, wofür sie geschaffen ist, niemals vergeht sie vollständig, am Ende bleibt ein Rest, kraftlos und unergiebig. Vielleicht ist das, was bleibt, so etwas wie die Hülle, der Leichnam, der am Ende entsorgt wird? 

Vielleicht gehen wir mit dem Gegenstand Seife eine persönlichere Beziehung ein als wir ahnen, immerhin verweisen die Spuren auf der Seife auf uns zurück, wir hinterlassen Spuren auf und an ihr, nehmen ihr ihren anonymen Charakter als Massenware und geben ihr eine Individualität, sie wird zu unserer Seife, als eine Art Spiegelbild gleicht sie sich unserer eigenen Vergänglichkeit an. SOAP OPERA versucht diese Spuren sichtbar zu machen, SOAP OPERA spürt unter anderem diesem Prozess nach.


Nicht nur aus praktischen Gründen geben wir unserer Seife ein Behältnis, eine Unterlage, eine Schale. Die nackte feuchte Seife ähnelt dem Fisch, glatt und schlüpfrig findet sie kaum Halt auf dem Waschbeckenrand. Wir bändigen sie in Seifenschalen, in Seifendosen, formschön oder bloß zweckmäßig.

 

Von der Seele der Seife zu sprechen, würde entschieden zu weit gehen, sie ist pure Oberfläche und ihr Wesen zeigt sich einzig auf dieser. Hier liegt der Bezug zum Titel SOAP OPERA. Unter dem Titel begann in den 1930er Jahren in den USA ein Unterhaltungsformat im Radio mit Inhalten, in denen sich das Leben wie bei der Seife auf der vergänglichen Oberfläche abspielt, Zielgruppe waren Hausfrauen, später wurde das Format der Daily Soap ins Fernsehen übernommen. Die Frau am heimischen Herd gilt in unseren Zeiten glücklicherweise als überholtes kulturelles Muster, aber gerade in der Zeit des Lock-Down in der Corona-Krise waren es hauptsächlich Frauen, die angesichts der geschlossenen Kitas und Schulen diese Rolle wieder eingenommen haben, so dass sich eine beunruhigende Retraditionalisierung andeutete.

 

 Die Daily Soaps wurden wesentlich von der Waschmittelindustrie finanziert. Produkte wie Seife und andere Hygieneartikel fanden in den Sendungen ihren Platz als versteckte Produktwerbung.